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„Das geht mich ja nichts an, aber …“ [Großes Denken 5]

 

Ein schlimmer Satz beginnt mit „Das geht mich ja nichts an, aber …“. Was ist denn so schlimm an so einem Satz? Was geht uns eigentlich was an? Und was nicht?

In dieser Episode geht es um zwei Sätze, die ich so schlimm finde, dass sich mir die Zehennägel hochklappen: „Es geht mich ja nichts an, aber …“ und „Das muss ja auch jeder selber wissen.“

 

Ich habe in Wikipedia einmal nachgeschaut: Was ist eine Tautologie? Eine Tautologie ist in der Logik eine allgemein gültige Aussage, das heißt: eine Aussage, die aus logischen Gründen immer wahr ist. Der Satz „Es geht mich ja nichts an, aber …“ ist für mich eine solche Tautologie. Das stimmt immer, das ist Blabla, das ist Füllstoff, das kannst du immer sagen. Mit dieser Aussage bist du immer unangreifbar. Ich stelle mir zwei ältere Damen am Gartenzaun vor, die sich über die lebenslustige Frau von gegenüber unterhalten: „Ach, es geht mich ja wirklich nichts an, aber was die Frau Müller da macht – fürchterlich!“

 

Genauso wie „Das muss ja auch jeder selber wissen.“ In meiner Wahrnehmung ist dieser Satz eine Art prophylaktischer Schutzschild. Wenn es dann Kritik an meiner Meinung gibt, habe ich ja vorher schon klar gemacht, dass ich dafür nicht kritisiert werden kann, denn das muss ja jeder selber wissen.

 

Vielleicht ist dieser Satz manchmal auch ein Zeichen dafür, dass sich der Sprecher seiner Sache gar nicht so sicher ist. Vor allem finde ich aber, es ist ein Eingeständnis. Nämlich: Es geht mich nichts an, das muss jeder selber wissen, ich sollte mich eigentlich gar nicht damit befassen – tue ich aber trotzdem. Ich kommuniziere also den Zwiespalt, in dem ich stecke. Nämlich zwischen der Neugierde, die mich dorthin treibt, es mir doch anzuschauen und meine Meinung zu verbreiten, und dem sozial angebrachten Verhalten, mich nicht damit zu beschäftigen.

 

Was geht mich denn eigentlich was an? Ich mag den Satz: Meine Freiheit endet dort, wo sie die Freiheit anderer berührt. Wenn zwei oder mehr erwachsene Menschen etwas einvernehmlich beschließen und es mir nicht schadet, geht’s mich nichts an. Wenn ein Schutzbefohlener in Gefahr ist – das geht mich an. Wenn die Umwelt in Gefahr ist, das geht mich absolut was an. Wenn jemand gegen Gesetze verstößt, geht mich das auch an.

 

Das sind natürlich Spezialfälle. Meistens, wenn man so etwas sagt, sind das aber Fälle wie „Die dreißigjährige Nachbarin von Gegenüber hat einen viel älteren Freund.“ Und da muss ich sagen: Nein, das geht dich nichts an. Das hat nichts mit deiner Freiheit zu tun. Oder wenn du sagst: „Keine Ahnung, wie der Typ sich dieses Auto leisten kann …“ Geht dich nichts an. Oder: „Wie die beiden als Paar zusammenpassen …“ Ja, und? Das haben zwei erwachsene Menschen so beschlossen, das geht mich nichts an.

 

Ich finde es wichtig, sich mit der Frage auseinanderzusetzen: Warum beschäftigt mich das eigentlich? Das, was ich da beobachtet habe, das, was mich eigentlich gar nichts angeht. Manchmal hat es vielleicht etwas mit dem eigenen Gerechtigkeitsgefühl zu tun, z. B.: „Wie der seine Frau behandelt, das ist ja unter aller Kanone! Das geht gegen mein Gerechtigkeitsgefühl. So würde ich das nie tun, so ist das nicht richtig.“ Das stimmt wahrscheinlich auch. Aber dennoch haben sich da zwei Menschen darauf eingelassen und so hart es ist: Es geht dich nichts an.

 

Manchmal sind vielleicht auch Neid und Missgunst dabei. „Warum können die das machen? Ich würde das auch gerne tun.“

 

Man muss sich auch fragen: Habe ich eigentlich den vollständigen Einblick in die Situation? Ist das, was ich da beobachte, überhaupt richtig? Ich kenne durchaus ein paar Familien mit Migrationshintergrund, in denen es eine, sagen wir, eher klassische Rollenverteilung gibt (er arbeitet, sie bleibt für die Kinder zuhause). Aber nochmal: Dafür haben sich zwei Menschen entschieden.

 

Das entspricht vielleicht nicht exakt meiner Vorstellung von Zusammenleben, aber habe ich den vollständigen Einblick? Für die beiden ist es offensichtlich vollkommen okay. Oder vielleicht ist der eine umso fürsorglicher in anderer Hinsicht. Habe ich den vollständigen Einblick, wie die beiden miteinander umgehen oder was auf den beiden Seiten einer Gleichung so steht? Meistens nicht. Und auch dann muss man sagen: Das geht mich nichts an. Punkt.

 

Was sollte ich stattdessen sagen? Ich finde, so ein Satz ist immer eine gute Gelegenheit, sich mit seinen eigenen Werten und seinem inneren moralischen Kompass zu beschäftigen. Ich kann zum Beispiel sagen: „Es beschäftigt mich doch sehr, was ihr beiden da macht. Wie funktioniert das für euch? Ich kann mir das so gar nicht vorstellen.“ Oder ich könnte sagen: „Das, was die beiden da machen, das widerspricht etwas dem gesellschaftlichen Konsens, aber ich freue mich trotzdem für die beiden. Das ist bestimmt nicht immer einfach.“

 

Ich darf definitiv zugeben, dass etwas für mein Wertesystem, für meine Gedankenwelt eher untypisch ist, dass es für mich nicht passt. Ich darf auch zugeben, dass mich etwas beschäftigt. Und ich darf auch zugeben, dass ich es so nicht machen würde. Und dann darf ich den anderen so handeln lassen, auch wenn es zu mir nicht passt. Denkt mal drüber nach.

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