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„Dafür habe ich keine Zeit“ – Oder, doch? [Großes Denken 4]

 

Ja, der Tag hat nur 24h – egal, wie sehr man sich auch anstrengt. Und doch stimmt der Satz „Dafür habe ich keine Zeit“ oft nicht. Was ist besser? Und wie kann sich vielleicht doch noch Zeit erkaufen?

 

In Gesprächen mit anderen Menschen, aber auch in Selbstdialogen fällt häufig der Satz: „Dafür habe ich keine Zeit!“ Meistens ist dieser Satz dann inhaltlich falsch, denn Zeit hat man schon. Wenn der Vater oder die Mutter im Sterben liegt, wenn ein Kind krank wird, dann hat man natürlich Zeit. Wenn ich also sage: „Dafür habe ich keine Zeit“, meine ich damit ehrlichweise: Andere Dinge haben für mich derzeit eine höhere Priorität.

 

Natürlich ist das „Dafür habe ich keine Zeit“ manchmal eine gute Ausrede. Wenn der Kollege fragt: „Hast du Lust auf ein Bier heute Abend?“, habe ich vielleicht tatsächlich keine Lust an diesem Abend. Ich hatte vielleicht einen langen Arbeitstag oder eine lange Arbeitswoche. Das mag man aber nicht immer so sagen. Oder der Typ ist langweilig oder quatscht dich nur voll – dann ist das auf jeden Fall eine gute Ausrede. Natürlich wäre es manchmal besser, die Wahrheit zu sagen, aber für den sozialen Frieden geht diese Notlüge sicherlich klar.

 

Wann aber ist dieser Satz nicht okay? Ich finde, er ist dann nicht angebracht, wenn er als Begründung eingesetzt wird, dich nicht weiterzuentwickeln. Nicht das zu tun, was dir Spaß macht. Also zum Beispiel: „Eigentlich möchte ich gern Saxophon lernen, aber dafür habe ich keine Zeit.“ Oder: „Eigentlich möchte ich mehr Zeit mit den Kindern verbringen, aber ich muss so viel arbeiten.“ Und, und, und. Man hört schon raus: Es geht immer um mich, um meine Zeit.

 

Was ganz wichtig ist: Der Tag hat nur 24 Stunden. Gerade wenn du viele Interessen hast und vieles machen könntest oder wolltest, musst du irgendwann einsehen: Du wirst nicht alles machen können! Die Zeit ist begrenzt, ebenso aber auch dein eigener Akku. Und du hast auch nur eine bestimmte Menge an Energie. Vielleicht bist du sogar eher der introvertierte Typ, das heißt, soziale Kontakte kosten dich Energie. Dann brauchst du umso mehr Zeit für dich. Es ist wichtig, das anzuerkennen!

 

Am einfachsten wäre es natürlich, wenn du dir Zeit schaffst. Fernsehen bspw. ist oft verschwendete Zeit. Zumindest habe ich oft das Gefühl, dass es so ist, aber manchmal geht auch nicht mehr. Ich erlebe auch Tage, an denen ich z. B. ein Ganztagesseminar gebe und meine gesamte Energie hineinstecke – nach diesen acht Stunden bin ich für den Tag dann auch durch. Dann ist fernsehen perfekt! An solchen Abenden muss ich nicht mehr lange Gespräche mit meiner Frau führen, ich habe auch keine Lust mehr auf Hausaufgabenbetreuung, dann ist einfach gut.

 

Es ist auch wichtig, sich dies klar zu machen und es anzuerkennen. Du bist keine Maschine. Du bist nicht jemand, der jede Minute in beliebige Maßnahmen stecken kann: Hier geht noch was und da habe ich noch drei Minuten, die ich ungenutzt lasse. Du brauchst Ruhezeit. Auch Langeweile kann wichtig sein, um vielleicht auf neue Ideen zu kommen. Ich kenne das von mir selbst: Gerade aus Langeweilezeiten kommen manchmal die spannendsten Ideen. In dem Moment, in dem ich nur in der Umsetzung bin und nur Vollgas gebe, ist das sicherlich sehr effizient und effektiv, aber auf neue Ideen komme ich in diesen Zeiten nicht.

 

Deshalb empfehle ich dir, erst einmal deinen Fokus zu überprüfen. Wie solltest du deine Zeit bestmöglich investieren – aber auch mit einer realistischen Einschätzung: Wie viel Zeit hast du denn wirklich? Das Wort „investieren“ meint hier, zu überlegen: Was ist mir eigentlich wirklich wichtig? Meine Zeit ist begrenzt, wo stecke ich diese begrenzte Zeit hinein? Welche Balance brauche ich vielleicht auch zwischen Beruf und Privatleben, zwischen Familie, Paar, mir selber?

 

Das kannst du am einfachsten einmal aufschreiben und für die ganze Woche herunterbrechen. In der Woche brauche ich täglich 8,5 Stunden für meine Arbeit, 1,5 Stunden schaue ich Serien auf Netflix, eine halbe Stunde Sport schaffe ich vielleicht alle fünf Tage.

 

Gleichzeitig kann ich mir notieren, wofür ich eigentlich keine Zeit habe. Wie viel Zeit würde das denn brauchen? Ich will unbedingt den Motorradführerschein machen oder mich auf einen Marathon vorbereiten. Dann muss ich überlegen: Kann ich etwas anderes aufgeben? Oder vielleicht weniger Zeit dafür verbrauchen oder die Zeit anders planen?

 

Für viele ist es bspw. selbstverständlich, dass eine Arbeitswoche 40 Stunden hat. Ich habe aber auch Angestellte, die nur 32 Stunden arbeiten. Brauchst du wirklich ein volles Einkommen oder kannst du vielleicht auch nur mit 32 Stunden auskommen und den Freitag frei haben? Oder vielleicht kannst du auch Montag bis Donnerstag immer zehn Stunden arbeiten – und hast dann auch den Freitag frei.

 

Du kannst dir auch die Frage stellen: Ist das, wofür du keine Zeit hast, wirklich so zeitaufwendig? Oder kannst du es vielleicht sogar kleiner machen? Statt eines Marathons reicht vielleicht auch ein Halbmarathon oder ein Viertelmarathon. Oder du machst den Motorradführerschein nicht nebenbei, sondern als Intensivkurs in einer Woche in den Ferien, vielleicht in einer richtig schönen Location, sodass das Ganze auch noch richtig Spaß macht. Oder mit einem guten Kumpel zusammen, der das auch schon immer machen wollte.

 

Manchmal schiebt man auch Sachen vor sich her, die als Idee gut klingen, dann aber doch nicht so gut sind. Das Saxophonlernen zum Beispiel. Vielleicht ist der Gedanke gut, aber letztlich passt das Instrument gar nicht zu dir. Hier könnte man z. B. einen Schnupperkurs machen. Ich habe in diversen Urlauben schon einige Schnupperkurse gemacht und weiß jetzt: Windsurfen ist definitiv nicht mein Ding! Das kann ich jetzt von meiner gedanklichen „Dafür-habe-ich-keine-Zeit-Liste“ streichen.

 

Zusammenfassend ist mir nochmal wichtig: Du wirst nicht alle deine Wünsche in deine dir zur Verfügung stehende Zeit integrieren können. Das muss aber auch nicht sein. Deine Zeit ist begrenzt, das ist nun mal so. Und ja, du darfst wirklich sagen: „Dafür habe ich keine Zeit!“ Aber besser fände ich immer, zu sagen: „Ich habe keine Zeit, weil mir etwas anderes wichtiger ist.“ Dann hast du die Entscheidung aus vollem Bewusstsein getroffen. Du hast bewusst darüber nachgedacht, du hast dir überlegt, was dir wirklich wichtig ist, welche Balance dir wichtig ist, und hast basierend auf diesen Einschränkungen eine optimale Entscheidung getroffen.

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